Persönliche Gedanken an Tschernobyl

von Hans-Ewald Mertens

1986, die Maiparaden waren gerade vorüber, da erreichte uns die Nachricht vom Inferno in Tschernobyl. Meiner Frau und mir zerriss es fast das Herz.

Ihre Schwester wohnte zu diesem Zeitpunkt 70 Km südlich von der Unfallstelle. Kurz vor Kiew. Angst breitete sich um die engsten Angehörigen und Freunde aus. Jede noch so geringe Information war für uns von gravierender Bedeutung. Es kam in uns etwas Erleichterung auf, als wir erfuhren, dass die Wolke nach Norden zog und die Strahlenbelastung im Raum Kiew nicht ganz so gewaltig war.

Aber dieser Schein betrog uns gewaltig. Denn das Leid in Weißrussland, speziell in der Stadt Gomel, ist so verheerend, dass es die Vorstellungskraft übersteigt.

Im August waren wir dann selbst in der Ukraine. Es war ein sehr beklemmendes Gefühl. Jeder hatte nur das Thema, wie es weitergeht. Warum hat die Regierung so lange geschwiegen? Welche Folgen sind noch zu erwarten. Wie viele Menschen werden noch sterben usw.

Wenn man in die Stadt Kiew fuhr, gab es überall Kontrollposten. Sie wollten wissen woher man  kommt, und  der Geigerzähler war immer dabei, umkreiste jedes Auto, welches in die Hauptstadt wollte und untersuchte es auf Radioaktivität. Ein komisches Gefühl: die Sonne scheint, der Himmel ist blau - ein Sommertag, wie ich ihn in der Ukraine schon so oft erlebt hatte und doch war alles anders.

Ein Onkel meiner Frau war bei den Hilfsmaßnahmen direkt im Sperrgebiet.

Ein paar Jahre später, es schien alles schon so weit weg, fuhr ich mit Freunden von Minsk nach Kiew. Bei der Gelegenheit machte Schenia einen kleinen Abstecher und fuhr mit mir durch ein wegen Tschernobyl evakuiertes Gebiet – geisterhaft und grauenvoll – die Spielplätze, die Wohnblocks, die Stadtteile leer, einfach leer. Die Natur hatte alles besser überlebt als die Menschen, die nicht mehr hier oder tot waren. Es sah aus, als wenn noch gestern hier das Leben pulsierte und doch hatte die Natur alles in Besitz genommen. Wir würden sagen „nach der Flucht der Menschen ist alles verwahrlost“. Es war auch ein Zeichen für mich, dass die Natur uns zum Überleben nicht braucht.

Wiederum ein paar Jahre später ergatterte ich aus Spenden von Ärzten einen großen Karton an Medikamenten für ein Krankenhaus in Kiew. Mit meinem Schwager fuhr ich dann in das Krankenhaus, in dem speziell Opfer dieser Katastrophe behandelt wurden.

Obwohl sich die leitenden Ärzte sehr darüber freuten, wussten wir doch alle, dass diese Menschen nichts mehr zu erwarten hatten. Ich ging durch die Flure des Hauses und hatte ein so merkwürdiges, beklemmtes, verzweifeltes und erschreckendes Gefühl, was ich so richtig eigentlich gar nicht beschreiben kann. Es war als stünde der Tod um mich rum, und mich schauderte es unbeschreiblich. Ich sah nichts, und doch spürte ich alles an Grausamkeit, was es nur geben mag.

Ich lernte danach auch eine recht junge Frau kennen, deren Mann in diesem Krankenhaus sprichwörtlich auf seinen Tod wartete, und die Ohnmacht, nichts tun zu können, ist dann so beklemmend. All diese Gefühle werde ich mein Lebtag auch nicht mehr los. Immer dann wenn uns die Lüge von der „guten“ Kernenergie präsentiert wird, tauchen dieser Gefühle auch verstärkt wieder auf. Übrigens der Onkel meiner Frau ist inzwischen an den Folgen auch verstorben.

Wie kam es dazu. Wir Menschen sind doch geneigt, gern alles beherrschen zu können. Ja und wir beweisen uns dieses doch allzu oft und auch gern. Hier kamen mehrere Faktoren zusammen, wie eine Erderuption der tektonischen Platten am Fluss „Dnjepr“, ein wissenschaftliches Experiment, rüde Leitungstätigkeit und menschliche Fehler - also Faktoren, die immer wieder unter bestimmten Bedingungen auftreten können.

Kein Sicherheitssystem wird für einen solchen Fall ausreichend sein.

Wir dürfen auch nicht vergessen, Tschernobyl ist noch lange nicht Geschichte. Jetzt ist der Block VI in einen Betonklotz gegossen. Keiner weiß wann und unter welchen Bedingungen dieser zerbersten wird. Innen die Hitze von mehreren Tausend Grad und außen Regen, Schnee etc. Da weiß doch jeder, dass dort Spannungen auftreten, die zum Zerbersten und zur nächsten Katastrophe führen werden.

Ja, wir beherrschen zwar die Gewinnung der Elektrizität, aber nicht das drum herum.

Und immer wieder höre ich noch heute von Menschen, die infolge dieses Infernos erkranken und leise sterben und unerwähnt bleiben, wie in Hiroschima und Nagasaki.