»Länger arbeiten hält gesund«

Was gesagt wird:

»Dass wir immer länger leben, kann nicht nur immer mehr Zeit in Rente bedeuten«, meinen die ArbeitgeberInnen. »Die heutigen Seniorinnen und Senioren sind im Durchschnitt gesünder, besser ausgebildet und vitaler als frühere Generationen«, sagt die Bundesregierung. Also ist es nur logisch, dass die Menschen länger arbeiten können und auch wollen. Bei diesem Vorhaben ist die Bundesregierung gern behilflich. Denn »auch Ältere haben Anspruch auf Teilnahme und Teilhabe am Arbeitsleben«. Laut einer Studie des Institute of Economic Affairs (IEA) erhöht Arbeit sogar die Lebenserwartung: »Längeres Arbeiten wird nicht nur eine wirtschaftliche Notwendigkeit sein, es hilft den Menschen auch dabei, gesünder zu leben«, so IEA-Chef Philip Booth. Die Rente hingegen schade der Gesundheit.

Was ist dran?

Das Bild, das Politik und UnternehmerInnen hier zeichnen, suggeriert, Beschäftigte würden heutzutage entspannt bin zum Renteneintritt arbeiten. Das entspricht jedoch nicht ganz der Wahrheit. Es stimmt zwar: Die Lebenserwartung steigt. Frauen, die Anfang der 1990er Jahre 60 Jahre alt waren, konnten davon ausgehen, dass sie im Durchschnitt noch 22 Jahre leben, Männer konnten mit 18 Jahren rechnen. Diese Zahl beschreibt die sogenannte fernere Lebenserwartung. Heute beträgt die fernere Lebenserwartung 21 Jahre für Männer und 25 für Frauen. Für das Jahr 2040 werden 25 Jahre für Männer und 28 für Frauen erwartet.

Aber nur weil die Menschen im Durchschnitt länger leben, heißt das nicht, dass Ältere einen Arbeitsplatz finden oder, wenn sie einen haben, bis 67 oder noch länger arbeiten wollen. Nur etwa die Hälfte der über 55-Jährigen hat noch einen sozialversicherten Job, bei den über 60-Jährigen ist es weniger als ein Drittel. Insgesamt erwerbstätig, also inklusive MinijobberInnen und Selbständigen, sind 44 Prozent der über 60-Jährigen. Zwar ist die Erwerbsbeteiligung Älterer in den letzten Jahren etwas gestiegen, unter anderem weil Vorruhestandregeln ausgelaufen sind und wegen der besseren Wirtschaftslage. Wer aber älter ist und den Job verliert, hat es äußerst schwer, nochmals einen zu finden.

Viele Beschäftigte sind außerdem skeptisch, ob sie überhaupt bis zum Erreichen des Rentenalters durchhalten. Etwa 50 Prozent glauben, dass sie ihre Tätigkeiten aus Gesundheitsgründen nicht so lange werden ausüben können. Die Selbsteinschätzung stimmt dabei ziemlich genau mit dem Risiko der Erwerbsminderung in den jeweiligen Berufsgruppen überein.

Dabei geht es nicht nur um die nachlassende körperliche Leistungsfähigkeit. Immer weiter auf dem Vormarsch ist die Erwerbsunfähigkeit wegen psychischer Erkrankungen. Bei den Männern geht aus diesem Grund jeder Dritte, bei den Frauen fast die Hälfte in vorzeitigen Ruhestand. So entspannt scheint das Arbeitsleben also nicht zu sein. »Der Stress im Job macht immer mehr Menschen krank.«

Etwa 40 Prozent der Beschäftigten nehmen Abschläge in Kauf, um sich früher aus dem Arbeitsleben zu verabschieden. Im Schnitt verzichten sie auf knapp 90 Euro Rente im Monat. Das freilich können sich auch nur diejenigen leisten, die eine halbwegs gute Rente erwarten können.