»Ein demografischer Orkan kommt auf uns zu«

Was gesagt wird:

Die Menschen in Deutschland werden im Durchschnitt immer älter, denn die Lebenserwartung steigt. Gleichzeitig werden immer weniger Kinder geboren. »Ein demografischer Orkan kommt auf uns zu«, warnt der Ökonom David Kotlikoff. Was eigentlich ein Fortschritt für die Menschen ist – die steigende Lebenserwartung – wird zur Bedrohung. Denn wie soll die Rente finanziert werden, wenn relativ gesehen immer weniger Junge immer mehr Alte durchfüttern müssen.

Was ist dran?

Der sogenannte demografische Wandel ist eine Tatsache. Er setzte vor über 100 Jahren in den meisten europäischen Ländern ein. In Deutschland sank die Geburtenrate von 4–5 Kindern pro Frau im 19. Jahrhundert auf 2–3 in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und weiter auf 1–2 Kinder ab Ende der 1960er Jahre. Die Bevölkerungszahl ist zwar insgesamt weiter gestiegen, nur nicht mehr so schnell wie zuvor. Wäre die Geburtenrate konstant geblieben, würden in Deutschland heute nicht 80, sondern fast 300 Millionen Menschen leben.

Verändert hat sich damit auch das Verhältnis von Jung zu Alt. Vor etwa 100 Jahren kamen auf eine Person über 65 Jahren etwa 12 Personen im erwerbsfähigen Alter. 1950 waren es noch 7, nach der Jahrtausendwende 3 bis 4, und Mitte des 21. Jahrhunderts werden voraussichtlich weniger als 2 Personen im Alter von 15–64 auf eine Person über 65 kommen. Irgendwann um die Mitte des Jahrhunderts müsste die Entwicklung sich wieder umkehren, weil dann die geburtenstarken Jahrgänge »aussterben « und zahlenmäßig schwächere Generationen von RentnerInnen »nachwachsen«. Doch das ist Kaffeesatzleserei, es ist immerhin noch ein halbes Jahrhundert bis dahin. »Wer behauptet, über 50 Jahre in die Zukunft blicken zu können, ist ein Traumtänzer«, sagt der Statistiker Gerd Bosbach. [1]

Die Bevölkerung Deutschlands altert schrittweise. Daran wird sich vorerst nichts ändern, selbst wenn ab morgen plötzlich doppelt so viele Kinder geboren würden wie heute. Die Frage ist jedoch, ob das eine Katastrophe ist? Die Antwort lautet: Nein.Das zeigt die Vergangenheit. Den rasantesten Teil des demografischen Wandels haben wir nämlich bereits hinter uns.

Im 20. Jahrhundert hat sich der Anteil der RentnerInnen mehr als verdreifacht: von unter fünf Prozent im Jahr 1900 auf über 17 Prozent im Jahr 2000. Der Jugendanteil hat sich im gleichen Zeitraum mehr als halbiert. Der Anteil der Menschen im erwerbsfähigen Alter im Vergleich zu RentnerInnen ist in den vergangenen Jahrzehnten immer weiter zurückgegangen. Dennoch ist es gelungen, allen einen steigenden Lebensstandard zu ermöglichen, 1957 die gesetzliche Rente an die Lohnentwicklung zu koppeln und sie parallel zum Sozialstaat auszubauen. Warum sollte es nicht auch in Zukunft möglich sein, bei einer Wirtschaftsleistung auf heutigem Niveau und möglicherweise schrumpfenden Bevölkerungszahl [2] ein gutes Leben für jede und jeden zu ermöglichen? Man sieht: Es geht nicht um die Entwicklung der Bevölkerungsstruktur, sondern darum, wie eine Gesellschaft mit dieser Entwicklung umgeht.  

Übrigens: Die Geburtenrate wird pro Frau berechnet. Meistens sind ausschließlich Frauen im Visier, wenn Kinderlosigkeit oder fehlender Nachwuchs beklagt wird. Bekanntlich braucht es zur Zeugung aber auch Männer. Tatsächlich bleiben mehr Männer als Frauen kinderlos. [3] Wer etwas über Beweggründe erfahren will, warum Kinder geboren oder nicht geboren werden, sollte Frauen und Männer fragen.

Quellen

[1] Vgl. www.tagesschau.de/inland/demografiegipfel102.html.

[2] Nach der aktuellen Bevölkerungsvorausberechnung soll die Bevölkerungszahl in Deutschland je nach Szenario von heute 82 Millionen bis 2060 auf 65 bis 77 Millionen sinken (vgl. Statistisches Bundesamt, 12. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung, Wiesbaden 2009).

[3] Vgl. Christian Schmitt/Ulrike Winkelmann: Wer bleibt kinderlos? DIW Discussion Papers 473, Berlin 2005