18. April 2014

Herr Oberst, haben Sie einen Arsch in der Hose ...

Liebe Freundinnen und Freunde,

in den letzten Tagen habe ich mich - angesichts der dramatischen Entwicklung in der Ukraine - immer wieder gefragt, warum ich heute, hier auf dem Ostermarsch in Wedel, ausgerechnet über so etwas "nebensächliches" wie den Namen einer Kaserne, der einzigen im Kreis Pinneberg, reden soll.

Aber je mehr ich darüber nachdenke, desto wichtiger erscheint es mir.

Die Bundeswehrministerin, die Bundeswehrführung und ihre PR-Abteilung starten eine Charmeoffensive nach der anderen.

Da schwadroniert die Ministerin über "Vereinbarkeit von Dienst und Familie".

Da gibt es Tage der offenen Tür in der Kaserne, an denen Kinder in Militärmaschinen herumklettern können.

Da wird Lokalprominenz zu einem  "Goldenen Salvatorabend" mit Starkbier und Schweinshaxen geladen, auf dem der Kommandeur, Oberst Kuhle, als "Bruder Barnabas" sich "ironisch" über Kommunales und sonstige politische Themen auslässt.

Da präsentiert sich diese Bundeswehr als einer der "größten und sichersten" Arbeitgeber in Deutschlands - sei es bei wöchentlichen Sprechstunden in der Arbeitsagentur, sei es mit Vorträgen an Volkshochschulen, sei es auf Berufsmessen oder sie wirbt direkt im Schulunterricht.

Das ist Teil der Militarisierung unserer Gesellschaft.

Ich sage ganz deutlich: Soldat war noch nie ein normaler Beruf!  Kämpfen wir dafür, dass dies fester Bestandteil des gesellschaftlichen Bewusstseins wird.

In der Kaserne in Appen ist die Unteroffiziersschule der Luftwaffe angesiedelt, richtiger die I. und die II. Lehrgruppe - die III. Lehrgruppe ist in Heide. Die Appener Kaserne wurde 1975 in Marseille-Kaserne benannt. Das ist keineswegs nach der französischen Stadt sondern nach dem Sprössling einer preußischen
Offiziersfamilie: Hans-Joachim Marseille, Mitglied der Flieger-HJ, meldete sich 1938 als 18jähriger freiwillig zur Luftwaffe des NS-Regimes.

Im Luftkrieg um England 1940/41 schoss er 7 Maschinen ab und von April 41 bis zum September 42 hat er im Luftkrieg über Afrika 151 Maschinen der Royal Airforce abgeschossen.

Dafür erhielt er höchste Auszeichnungen, und als er wegen eines technischen Defektes mit seiner Maschine tödlich verunglückte, wurde er von NS-Propaganda in Wochenschauen und Presse als Held hoch gefeiert.

Der mörderische Krieg und die Herrschaft des NS-Regimes waren gerade 12 Jahre vergangen, da kam ein Film in die deutschen Kinos, der direkt an diese Propaganda des III. Reiches anknüpfte: In "Der Stern von Afrika" wurde eben jener Hans-Joachim Marseille zum Flieger-Ass und im Kampf unbesiegt hochstilisiert. Das war Teil der propagandistischen Begleitung der Remilitarisierung Deutschlands. Das ist bis heute der Mythos, der Marseille umgibt und der gepflegt wird.

Verschwiegen wird, dass er zu keinem Zeitpunkt sein Tun hinterfragt hat, nie einen Gedanken an die Opfer des Krieges und ihrer Familien verschwendet hat, geschweige denn auch nur einmal eine erwähnenswerte menschliche Handlung gegenüber Gegner oder Zivilbevölkerung vollbracht hat. Er war einer, der nur
Befehlen blindlings folgte.

Nach den gültigen Traditionsrichtlinien der Bundeswehr ist er damit als Namensgeber für eine ihrer Liegenschaften ungeeignet! Mit einer Neubenennung könnte das geändert werden.

Wir schlagen vor, die Kaserne nach einer Persönlichkeit wie den Feldwebel Anton Schmid zu benennen.

Der Feldwebel Anton Schmid nutzte die Möglichkeiten, die ihm als Leiter der kleinen, in der Kolejowa-Straße gegenüber dem Wilnaer Hauptbahnhof und von Vorgesetzten nur wenig beachteten Verprengten-Sammelstelle blieben. Für dringende Arbeiten in den zugehörenden Werkstätten requirierte er Verfolgte – und entschied selbst, was dringend war. In der Hoffnung, dass sie dort weniger gefährdet wären, nutzte er zudem die zur Verfügung stehenden Wehrmachts-LKW, um Juden aus den Werkstätten in die mehrere Fahrstunden entfernten Städte Białystok, Grodno und Lida zu bringen. Und schließlich war er bereit, vom jüdischen Widerstand aus dem Wilnaer Ghetto herausgeschleuste Menschen ebenfalls nach Białystok zu bringen.

Zeugen schätzen, bis zu 350 Menschen wurden von Anton Schmid gerettet.

Anton Schmid wurde denunziert, vor das Kriegsgericht gestellt und am 13. April 1942 hingerichtet. Im Abschiedsbrief an seine Frau schrieb er: „Ich habe nur als Mensch gehandelt.“ Eben! Das macht ihn zum Vorbild!

Die Soldaten der Bundeswehr haben Vorbilder wie Anton Schmid nötig. Ich will keine Soldaten, die funktionieren, die einfach Befehlen gehorchen, und nicht hinterfragen. Und ich erwarte, dass im Zweifel auch gesagt wird: Nein, das mach ich nicht.

Oberst Klaus-Christian Kuhle, Kommandeur der Fliegerschule, könnte den Vorschlag aufgreifen. Der aber kneift. Selbst gegenüber dem NDR will er sich äußern. Mit mir würde er sich nur zu einem 4-Augen-Gespräch treffen, über das zudem Stillschweigen gewahrt werden soll.

Herr Oberst: Haben Sie einen Arsch in der Hose und lassen Sie uns öffentlich über das Thema diskutieren. Vielleicht auf der Batavia!

19. April 2014. Redemanuskript. Es gilt das gesprochene Wort