Zu dieser Kundgebung haben zahlreiche Gemeinschaften, Verbände, Initiativen und Organisationen aufgerufen – quer Beet und parteiübergreifend. Viele Bürgerinnen und Bürger zeigen Zivilcourage. Die Vielfalt ist wichtig. Denn wenn es gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus geht, dann sollten alle sonstigen Differenzen zurückstehen. Das schulden wir der Geschichte und das schulden wir der Zukunft. Und genau das sollte uns einen.
Ich bin Berlinerin und sie können mir glauben: Wir haben in Berlin – „in der Reichshauptstadt“ sagt die NPD – keinen Mangel an rechtsextremen Aufmärschen. Aber als ich gebeten wurde, als Vizepräsidentin des Bundestages ihr Bündnis in Pinneberg zu unterstützen, da habe ich sofort meinen Kalender geräumt. Denn wir wollen weder alte noch neue Nazis: nicht in Berlin! nicht in Pinneberg! – nirgendwo!
Monat für Monat frage ich die Bundesregierung, wie viele rechtsextreme Straf- und Gewalttaten sie registriert hat. Der Befund: Im statistischen Schnitt werden stündlich 2 ½ Straf- und täglich 2 ½ Gewalttaten mit rechtsextremen Hintergrund registriert. Die offiziellen Zahlen stapeln tief. Die realen Zahlen liegen weit höher. Entsprechend größer ist die Zahl der Opfer. Rechtsextremismus ist hierzulande also längst wieder eine Gefahr für Leib und Leben. Und das darf niemand hinnehmen.
Nun spreche ich hier auch als Mitglied im Berliner Ratschlag für Demokratie und Toleranz. Es gibt ihn seit reichlich einem Jahr. Er ist ein Personen-Bündnis. Er bündelt Personen, die man ansonsten selten zusammen denkt. Da ist der Chefredakteur der Morgenpost ebenso dabei wie der Chefredakteur vom Neuen Deutschland - die Jüdischen Gemeinde, Hertha BSC, Gewerkschafter, Händler, Unternehmer, Künstler, Arbeitslose, Politiker, ein widersprüchlicher Berlin-Mix. Wir alle haben uns auf eine „Berliner Erklärung“ geeinigt. Deshalb trage ich den Text dieser Erklärung hier vor:
»Du bist anders als ich. Ich respektiere dich.«
»Ich bin anders als du. Respektiere mich.«
Wer andere Menschen wegen Aussehen, Hautfarbe, Sprache, Herkunft, Religion, Kleidung oder Lebensweise herabsetzt oder ausgrenzt, trifft auf unseren Widerstand.
Wir zeigen Gesicht. Für Konflikte gibt es keine einfachen Lösungsmuster. Wer Freund-Feind-Denken überwinden will, darf keinen simplen Parolen folgen.Wir lassen uns nicht provozieren. Wir verhalten uns solidarisch.
Wer andere Menschen mit Worten, Gebärden oder Fäusten angreift, zeigt Schwäche. Wir sehen nicht tatenlos zu. Berlin ist unsere Stadt: In der Schule und am Arbeitsplatz, auf der Straße oder im Stadion, in der Nachbarschaft, im Kiez und in öffentlichen Verkehrsmitteln, in öffentlichen Gebäuden oder in der Disko. Wir teilen die gleichen Räume und lassen sie nicht beschädigen. Wir bleiben offen für das Unbekannte und nehmen aufeinander Rücksicht.
Wir verpflichten uns zu gegenseitigem Respekt.
So weit aus der „Berliner-Respekt-Kampagne“. Anderswo gibt es andere Initiativen. So, wie hier in Pinneberg und Umgebung. Immer geht es um dieselbe Frage: „Wie wollen wir leben?“ Diese Frage sollte niemand delegieren: nicht an die Politik, nicht an die Justiz, nicht an die Polizei. Es ist Ihre Frage, es ist meine Frage, es ist unsere Frage. Und eine Antwort heißt: „bunt statt braun!“ Und deshalb demonstrieren wir heute auch gemeinsam: für Menschenrechte, für Demokratie und für Toleranz!
Abschließend. Sie wissen es: Am Sonntag ist EU-Wahl. Und die Gefahr ist groß, dass es danach eine gestärkte rechtsextremistische Fraktion im EU-Parlament geben wird. Das wäre ein fatales Signal. Und deshalb bitte ich Sie: Tun Sie, was Sie dagegen tun können – gehen Sie wählen. Jede Stimme für eine demokratische Partei ihrer Wahl ist eine Stimme gegen die braune Gefahr. Also: Erheben wir vernehmlich unsere Stimmen – auf der Straße und im Wahl-Lokal, heute, am Sonntag und jederzeit.
( die Rede von Petra Pau auf der Kundgebung gegen Rechtsextremismus am 06. 06. 2009 in Pinneberg )